Strandwanderung an Usedoms Außenküste

Seebrücke in Ahlbeck/Usedom (Foto: Peter Reinhard) Seebrücke in Ahlbeck/Usedom (Foto: Peter Reinhard)

An einem Sonntag Ende Juli rief mich der Wecker noch bei Dunkelheit auf den Weg, denn ich hatte ein ehrgeiziges Ziel: die gesamte Außenküste Usedoms in einem „Ritt“ zu erwandern. Dazu verzichtete ich sogar auf die „Hufe“, sprich Schuhe, denn so konnte ich ohne Konsequenz auch mal ins Wasser ausweichen.

Am schon zugänglichen Teil des Peenemünder Hakens im Nordwesten der Insel Usedom, wo sich allmählich die Düne aus dem Wald erhebt und der Schilfgürtel dem noch urwüchsigen Badestrand weicht, war noch kein Fotolicht. Das Windwatt mit seinen oft freiliegenden Sandbänken konnte ich in der Morgendämmerung nur erahnen.
Nach einer guten halben Stunde schlängelte ich mich durch die Frühaufsteher (oder Übriggebliebenen ?) des Karlshagener Beachvolleyballturniers vom Vortag. Auch bei den sehr gemächlichen Bewegungen der „Teilnehmer“ konnte man gewiss sein, dass die Spuren des vorabendlichen Festes beseitigt sein würden, wenn die ersten „normalen“ Strandspaziergänger auftauchten.

Zwischen Karlshagen und Trassenheide entdeckte ich im Licht der aufgehenden Sonne die ersten richtigen Dünencamper. Ich grübelte dann so lange darüber, wie ich die am Strand von Trassenheide genau in meiner „Spur“ auf dem Bauch liegende und mit dem ersten Tageslicht lesende junge Dame nach ihren Gründen dafür befragen sollte, dass ich sie schließlich ungefragt passiert hatte.
Schon bald kam am ruhigen Strand ein kleiner LKW in Sicht, der – halb im Wasser stehend - einen kleinen Fischerkahn in sein Element gelassen hatte. In Zinnowitz nutzte ich die seltene Chance, die Villen an der östlichen Promenade im Morgenrot zu fotografieren.

Die spiegelglatte See, der von der reinen Morgensonne gefärbte Strand, die Buhnen zwischen Zempin und Koserow als Fotomotiv sowie die knapp drei Stunden flotten Marsches bewegten mich zur ersten Rast am noch fast menschenleeren Strand. Von hier aus unternahm ich einen Abstecher über die Düne zur schmalsten Stelle der Insel, wo sich der Außendeich mit Radweg, die Bundesstraße 111, die Bahnlinie sowie der Binnendeich zum Achterwasser auf nur knapp 300 Meter zusammen drängen. Vor gut 100 Jahren durchbrach hier das Hochwasser zum letzten Mal die Insel. Seitdem wurde aber die Außenküste so befestigt, dass eine Wiederholung hoffentlich auszuschließen ist.

Der Koserower Fischerkahn hinter dem schwimmenden Kormoran kündigte eine markante Stelle der Küste an, den Streckelsberg. Er gehört mit knapp 60 Metern neben den fast gleich hohen Langenberg und Golm zu den drei höchsten Erhebungen der Insel. Ohne den aktiven Küstenschutz der letzten Jahre wäre er dem Abtrag preisgegeben, aber mit Aufspülung und Steinwällen konnte hier den natürlichen Kräften zunächst Einhalt geboten werden.
Nach Passieren des Strandhotels Seerose senkt sich in Kölpinsee die Küste vorübergehend wieder auf Dünen-Niveau herab, um dann sogleich bei Stubbenfelde ein ausgeprägtes Sandkliff zu präsentieren. Leider begann auch die Sonne in den Wolken Versteck zu spielen.
Hier, zwischen Kölpinsee und Ückeritz, wurde mir erstmals bewusst, dass es Flecken am Strand gibt, in deren Nähe man mit Kraftfahrzeugen nur schwer gelangen kann. Sie sind dementsprechend unberührt und menschenarm - also ein Geheimtipp.

An der Steilküste von Ückeritz mit ihren beiden Restaurants erinnert nichts mehr an die Folgen des Sturmhochwassers von 1994, als die Grundplatte eines der beiden zum Teil schon in der Luft hing…
Kilometerlang erstreckt sich der Strand zwischen Ückeritz und dem Langenberg, ständig begleitet vom Ückeritzer Campingplatz. Leider hat noch niemand die Initiative ergriffen, um die dort in Richtung Langenberg noch aus älteren Zeiten stehenden verrottenden Rettungstürme zu entfernen - oder zu revitalisieren. Wie zur Illustration verbarg sich die Sonne nun vollends und ließ tatsächlich einige Regentropfen zu.
Dort, wo der Langenberg beginnt, der seinem Namen gerecht wird, passiert der Wanderer einen Sportstrand, von der B 111 zwischen Kreuzung Schmollensee und Bansin leicht per PKW zu erreichen. Mitten in der Natur kommt hier mit den schnellen Booten ein Hauch von Exklusivität zum Vorschein.

Der Berg selbst bildet mit seinem Kliff einen der urigsten Abschnitte der gesamten Küste. Abgestürzte Bäume, kleine Minibuchten und eingelagerte Findlinge zeugen von der fortdauernden Dynamik der Küste, die sich hier jährlich ein neues Stück vom Land nimmt.
Apropos Dynamik, spätestens ab hier begann ich die Idee des Barfußlaufens etwas differenzierter zu betrachten, nicht nur wegen der Naturschönheiten verringerte ich meine Reisegeschwindigkeit. Und ich hatte - nach eigenen Berechnungen - noch ein Drittel des Weges vor mir.

Das Seebad Bansin kündigte sich mit Strandkörben und dunklen Wolken an, die jedoch bald wieder der Mittagssonne wichen.
Hier begann die letzte Etappe meines Fußmarsches, ein Küstenabschnitt mit durchgängig belebtem Strand, abwechselndem Blick auf bäderarchitektonische Promenaden und bewachsenen oder bepflanzten Dünenabschnitten. Der Kulmberg von Heringsdorf signalisierte mir die nahende Seebrücke mit einem „Örtchen“, welches ich nach der langen und belebten Küstenstrecke seit dem Bansiner Fischerstrand ersehnte…

Bereits seit Passieren des Langenbergs hatte ich mein Ziel, die polnische Grenze, in Gestalt der Swinemünder Hafenkräne vor Augen, es näherte sich jedoch nur langsam. Das Neue hier für mich war die Tatsache, dass ich die gesamte Strecke ohne Unterbrechung absolvierte und auch die Bereiche zwischen den drei Seebädern in Augenschein nehmen konnte. Mein schleppender Schritt und der gequälte, von der altmodischen Sonnenbrille nur teilweise kaschierte Gesichtsausdruck erweckte bei einigen Sommerfrischlern trotz toleranter Grundeinstellung eigenartige Blicke. Doch mein eigener Blick war in die Ferne gerichtet und erholte sich nochmals an der Ahlbecker Seebrücke als dem Wahrzeichen Usedoms.

Die letzten Kilometer bis zur Grenze waren dann nur noch Trotz und Ehrgeiz, ich fixierte als Nahziel ein großes Festzelt am hier fast 100 Meter breiten Strand.
Von Ahlbeck bis zur polnischen Grenze wird der Strand von flachen Dünen und Wald begleitet.
Endlich: Der Grenzzaun war erreicht, ich suchte einen Platz in den Dünen, holte die Sandalen aus dem Rucksack, um den Restweg zum Bahnhof Ahlbeck-Grenze der Usedomer Bäderbahn (UBB) wieder besohlt absolvieren zu können. Zunächst führt der Weg zurück, als Teil der künftigen Promenade, die von Swinemünde direkt an der Düne nach Ahlbeck führen soll.

Noch beim Schreiben dieser Zeilen sind die Eindrücke dieser Wanderung gegenwärtig, wird mir wieder bewusst, welche Vielgestaltigkeit die Insel nicht nur im Binnenland hat, sondern wie unterschiedlich auch die Küstenlinie gestaltet ist. Und an einigen Stellen können jedes Jahr Veränderungen festgestellt werden. Diese Wanderung bleibt ein unvergessliches Erlebnis, und wer noch überlegt: Die UBB mit ihren zahlreichen Haltepunkten ist fast überall nahe an der Küste…

Peter Reinhard

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