Oder, Peene und rund um Rügen auf der ‚Swiss Coral’

Die 'Swiss Coral' vor Stralsund (Foto: Peer Schmidt-Walther) Die 'Swiss Coral' vor Stralsund (Foto: Peer Schmidt-Walther)

Natur pur mit Adonisröschen
Die Flussaue der Oder ist von vielen Altarmen durchzogen. Nirgendwo sonst in Europa sind derart große natürliche Überflutungsräume erhalten geblieben. Zusammen bilden diese Flächen ein riesiges Rückhaltebecken, in dem sich das Hochwasser verlaufen kann, ohne flussabwärts Schaden anzurichten. Die vom Menschen unbeeinflusste Renaturierung hat Erstaunliches bewirkt: einen der artenreichsten Lebensräume Deutschlands. Dazu zählen Auwälder, naturnahe Laubmischwälder oder das nordwestlichste Verbreitungsgebiet der Steppenzone mit blaublühendem Kreuzenzian, silbrigem Federgras oder gelbem Adonisröschen. Die außerordentlich reiche Wasservogelwelt ist unter internationalen Schutz gestellt worden. Mehr als 120 Vogelarten brüten im Nationalpark, darunter See-, Fisch- und Schreiadler, viele Weißstörche, der seltene Schwarzstorch sowie die weltweit vom Aussterben bedrohten Seggenrohrsänger und Wachtelkönige.

Stettin, Hauptstadt der Wojewodschaft Westpommern
Neben den hoch aufragenden Überseefrachtern im Stettiner Hafen schrumpft unser Liner auf Spielzeuggröße zusammen. Der Hafenkapitän weist jedoch seinem langjährigen Kollegen Magner den attraktivsten Liegeplatz zu: direkt vor der berühmten Haken-Terrasse, wo auch große Kreuzfahrtschiffe anlegen. Am nächsten Tag locken die ansehnlich restaurierte mittelalterliche Altstadt, das Schloss der Pommernherzöge samt ihren Sarkophagen, der rostrote Backsteinbau des Altstädter Rathauses, die weniger vorteilhaft aufgebaute gotische Jakobi-Kathedrale und last but not least das Seefahrtsmuseum alle unwiderstehlich für ein paar Schau-Stunden an Land.

Auf der Oder (Foto: Peer Schmidt-Walther)Wiedervereinigung mit Freiheitsgefühlen
Hinter Stettin weitet sich der Fluss zum Trichter. Sogar eine Wiedervereinigung findet statt: die von Ost- und Westoder in der Nähe des Dammschen Sees. Bis sich voraus der Blick aufs leuchtfeuergespickte Oderhaff weitet. Wir lassen die Große Kaiserfahrt, die nach Swinemünde an der Ostsee führt, an Steuerbord und drehen ins Kleine Haff ein. Beim Mittagessen querab Ueckermünde stellen sich See-Gefühl ein. Passagier-Kommentar: „Ich glaub´, ich sitz im Wasser!“ An den tief liegenden Restaurantfenstern glucksen die Wellen entlang.

An Steuerbord gleitet die Insel Usedom vorüber mit ihren mittlerweile schon wieder mondänen Bädern an der Seeseite. Heringsdorf, Bansin, Ahlbeck und Zinnowitz - vor dem letzten Krieg auch die „Badewanne Berlins“ genannt, stehen natürlich auf dem Besuchsprogramm der Busausflügler ab Wolgast. Festlicher Ausklang des Tages beim Kapitänsabendessen im Hafen vom ehemaligen Residenzstädtchen der Herzöge von Pommern-Wolgast. Der Chef zaubert gemeinsam mit seinem Kollegen kulinarische Highlights in der Vorschiff-Mini-Kombüse.

U-Boot, Raketen, Bonzen und Lokpfiffe
Mit den Worten: ´Das blaue Wunder öffnet sich, nichts wie los!“, startet Magner die Maschinen angesichts der Klappbrücke zwischen Wolgast und Usedom. Behutsam fädelt er seinen „Dampfer“ durch das Nadelöhr. Voraus eine dunkelgraue Röhre mit schlankem Turm. Von der russischen Marine ausgemustert, fristet das mit 4000 Tonnen einst größte dieselgetriebene U-Boot der Welt jetzt sein Dasein als Besuchermagnet im Peenemünder Hafen. Ansonsten heißt es hier: Wernher von Braun lässt grüßen. Das Dorf im Norden der Insel machte Weltgeschichte, als 1942 in der Versuchsanstalt die ersten „V 2“-Raketen abgefeuert wurden. Grundlage für die spätere bemannte Raumfahrt. In der Nachkriegszeit mutierte das Zentrum der deutschen Raketenforschung zur Flottenbasis der ehemaligen DDR-Volksmarine. Seit der Wende hingegen präsentieren sich die maroden Gebäude als viel besuchtes Museum mit Raketen- und Flugzeugexponaten sowie einer NVA-Korvette.

Sprung über den mit Schaumköpfen garnierten Greifswalder Bodden auf Rügen zu. Salzwasser gischt über das Vorschiff. „Dabei ist auch schon mal der Flügel durch den Raum gesegelt“, erinnert sich Magner an stürmischere Zeiten mit Seekranken, während die einstige SED-Prominenten-Insel Vilm an Backbord auftaucht. „Früher waren´s die Bonzen, die das kleine Paradies ungewollt bewahrten, heute macht´s der Naturschutzbund“, vergleicht Magner, „mit dem Unterschied, dass jetzt Führungen erlaubt sind.“ Wie zur Bestätigung und Begrüßung pfeift der „Rasende Roland“ im südrügenschen Hafen Lauterbach. Der dampfende Schmalspurzug hält mit quietschenden Bremsen gegenüber dem „Swiss Coral“-Liegeplatz.

Rattentanz und Flächendenkmal
Ein makelloser Himmel signalisiert schönstes Reisewetter für den Törn rund um Südrügen durch den landschaftlich reizvollen Schlauch des Strelasunds. Die altehrwürdige Hanse- und Meerstadt Stralsund, jetzt zum UNESCO-Welterbe gehörend, reckt pünktlich zum Frühstück die Türme ihrer drei mächtigen Backsteinkirchen über die Speicherkulisse des Hafens. Beim Auslaufmanöver mit Blick auf Stralsunds „Schokoladenseite“ zeigen sich die meisten Gäste beeindruckt von den Aufbauleistungen. Stralsund hat über 800 historische Gebäude. Die Hälfte erstrahlt bereits in neuem Glanz. Inzwischen ist das Flächendenkmal als Welterbe unter den Schutz der UNESCO gestellt zu worden.

Inselsucht unterm Leuchtturm
Neben der schiffsengen Fahrrinne stehen die Schwäne im flachen Wasser. Wie eine Schleppe zieht die „Swiss Coral“ den Schwall seitlich neben sich her. Hiddensee, „dat söte Länneken“, wie die Einheimischen ihr „süßes Ländchen“ nennen, zeichnet sich erst flach, dann hügelig an Backbord ab, gekrönt vom fernsehbekannten Leuchtturm auf dem Steilufer des Dornbusch. Das „Sylt der Ostsee“, beileibe kein sündhaft teures Modebad, war seit 1930 Feriendomizil des prominentesten Inselgastes. Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann, der jedes Mal von Stralsund zu Schiff anreiste, schrieb auf dem Eiland bedeutende Werke der Weltliteratur. Sein Haus „Seedorn“ in Kloster ist heute ein vielbesuchtes Museum.

Zentimetergenau legt Johann Magner die 82 Meter lange „Swiss Coral“ an den Kai von Vitte. Auf dem warten schon Pferdefuhrwerke für eine abendliche Rundfahrt, denn die 17 Kilometer lange Insel ist zum Glück autofrei. Alternative zum Zwei-PS-Zuckeltrab: Leih-Fahrräder. Auf gut ausgebauten Wegen strampeln wir durch den idyllischen Norden. Wobei der Enddorn mit seinem blendend weißen Sandhaken ein ganz besonderes Kleinod darstellt. „So viel Himmel haben wir nicht bei uns!“ begeistert sich eine Frau aus der eidgenössischen Alpenrepublik.

Runter vom Fahrrad - selbst das ist hier nicht mehr erlaubt - und durch die wunderschöne Natur gelaufen! Hunderte selten gewordener Vogelstimmen überraschen und bezaubern den Besucher dieses Naturparadieses. Wenn dann noch der Mond aufgeht und der Leuchtturm in den Abendhimmel blitzt, ist die romantische Caspar-David-Friedrich-Stimmung komplett. Davon kann man süchtig werden, wie Erstbesucher von Hiddensee „gewarnt“ werden.

Kurs auf Kap Arkona (Foto: Peer Schmidt-Walther)Gekrönte Karibik
Schon der Dichter Ernst Moritz Arndt schwärmte von seiner Heimat: „Oh, Rügen! Liebliche Insel, wohin ewig die Liebe sich sehnt...!“ Geruhsame Fahrt durch die Boddenlandschaft. „Gletscher und Schmelzwasser ließen vor rund 10 000 Jahren die See überlaufen und schwappten in die flache Grundmoränenlandschaft“, Kapitän Magner von der Brücke anschaulich die flachen Wassermulden der Küstenlandschaft.

Im Hafen von Breege auf der Halbinsel Wittow heißt es nach rund 440 Kilometern: Endstation Kap Arkona! Der nordöstlichste Punkt Deutschlands grüßt mit seinen beiden historischen Leuchttürmen vom 46 Meter hohen Mergelkliff, an dem die Brandung unermüdlich nagt. Aus luftiger Perspektive schweift der Blick weit über die Ostsee, in die Frachter ihre schaumigen Bahnen zeichnen. Aber auch hinüber zum zehn Kilometer langen Strand der Schaabe-Nehrung, der Karibik-Assoziationen weckt. Dahinter recken sich die weißen Kalkklippen der Stubbenkammer, von sattgrünem Buchenwald umkränzt, in den blauen Himmel. Die Krönung ist der 117 Meter hohe Königsstuhl. Busausflügler werden am Abend davon schwärmen, aber auch vom Fischerdörfchen Vitt, der fürstlichen Residenz zu Putbus mit seiner zirkusförmigen Ortsanlage oder dem Schinkel´schen Aussichtsturm der Granitz mit Sicht auf das neu erstandene beliebte Seebad Binz, in dem der Schlafwagenzug „Arkona“ aus Basel endet.

Müde von so vielen Eindrücken, wiegen uns die an der Bordwand leise glucksenden Wellen in den Schlaf. Meint Hiddensee- und Rügen-Fan Johann Magner: „Ich hab´ ja schon viel gesehen, aber dieses Revier ist für mich das Schönste.“
 
Text und Fotos: Peer Schmidt-Walther

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