Mit Eisbrecher 'Sampo' am Polarkreis

Eisbrecher 'Sampo' in Kemi (Foto: Peer Schmidt-Walther) Eisbrecher 'Sampo' in Kemi (Foto: Peer Schmidt-Walther)

Mühsam kriecht der Sonnenball über den vom Wald gezackten Horizont – und bleibt dort kleben. Zu höheren Kletterkünsten reicht ihre polarnächtliche Kraft nicht. Umso stärker zieht es die dick vermummten Gestalten ans lodernde Lagerfeuer. Samen in traditionell-bunter Tracht schenken heißen Multbeeren-Tee aus. Schließlich gilt es, die frierenden Polarfahrer auf das eiskalte Abenteuer einzustimmen. Das sie in der südlichen Ostsee in diesem Winter vergeblich suchen.

Über dem Hafen der nordfinnischen Stadt Kemi schwebt eine ganz besondere „Duft“-Wolke: Stichwort Papier: Davon lebt man hier am Bottnischen Meerbusen. 85 % werden über See exportiert. Unentbehrlich dabei modernste Eisbrecher. Sie brechen den Frachtern winters (von November bis Mai) die Bahn. Unsere 8.800-PS-„Sampo“ ist nach dreißig Jahren Eiseinsatz entbehrlich geworden: zu schwach auf der Brust, technisch veraltet und zu schmal für die immer breiter ausladenden Papiertransporter.

Winter-Knüller
Touristisch hat die 20.000-Einwohner-Papierstadt Kemi im lappländischen Winter keine ausgesprochenen „Knüller“ zu bieten – außer der größten zusammenhängenden Eisfläche Europas vor ihrer Haustür und einen Eisskulpturen-Park. Die Stadtväter haben sich noch etwas Bemerkenswertes einfallen lassen: Kurzerhand kauften sie der finnischen Seefahrtsbehörde den Eisbrecherveteran „Sampo“ ab, bewahrten ihn damit vor dem Hochofen und funktionierten das technische Denkmal zum einzigen skandinavischen Passagiereisbrecher um. Damit nicht genug. „Sampo“ heißen zwar viele finnische Männer, aber auch die Maschine, die im Volksepos „Kalevala“ (Geld) herstellt. Aus der klimatischen Not ist eine touristische Tugend geworden. Seitdem lockt der schwarz-gelbe Stahlkoloss allwinterlich Eis(brecher)-Fans aus aller Welt nach Kemi – und zieht ihnen das Geld aus der Tasche.
Exklusiv ist das Vergnügen allemal. Sogar erklärte „Frostbeulen“ geraten ins Schwärmen, wenn die 8.800 Pferdestärken des schmucken 3.450-Tonners unter ihren Füßen zu vibrieren anfangen.

Schauer über den Rücken
Krachend, knackend, knirschend und knisternd kämpft sich der bullige Kraftprotz durch das bis zu einen Meter mächtige Eis aus dem Hafen. Der abgeknickte Steven schneidet sich durch das beinharte Element. An den „Sampo“-Flanken schaben die zerborstenen Schollen entlang, stellen sich wie aus Protest sekundenlang senkrecht, um dann ohnmächtig klatschend in die frisch gepflügte Fahrrinne zurückzugleiten.
Die Brücke ist gerammelt voll. Jeder will den Eispiloten beim Navigieren über die Schulter sehen. Auf der Back recken anscheinend kälte- und windresistente Seh-Leute ihre Hälse nach unten, um das Eisbrechspektakel hautnah beobachten zu können. „Das jagt mir regelrecht wohlige Schauer über den Rücken!“, strahlt mein Nebenmann vor Begeisterung. Und selbst sonst so „coole“ Banker geraten schier aus dem Häuschen: „Unglaublich faszinierend, dieses Eis-Theater!“ Obwohl den „Verrückten“ spitze Eisnadeln das Gesicht röten, noch verstärkt durch die gleißende Lichtbahn der am frühen Nachmittag untergehenden Sonne.

Der „Herzensbrecher mit der rauhen Schale“ (so eine Broschüre) nimmt den Rummel auf seine alten Tage gelassen. Schließlich werden seit 1877 „Schlachtschiffe gegen den nordischen Winter“ in Finnland gebaut, deren stärkste 33.000 diesel-elektrische PS ins Eis bringen. Sechzig Prozent aller Eisbrecher dieser Welt stammen von finnischen Werften, insbesondere der Wärtsilä-Masa-Yards-Schmiede in Helsinki (auch Spitzenprodukte der Kreuzschiffahrt stammen daher). Wir passieren die „Nordica“, einen der modernsten finnischen Großeisbrecher, der auf einen Frachter-Konvoi wartet. Geradezu futuristisch wirken seine Linien; kein Vergleich zur musealen, aber gemütlichen „Sampo“.

Eis-Bad (Foto: Peer Schmidt-Walther)Polar-Schwimmer
Höhepunkt des eisigen Ein-Tages-Törns: wenn Kapitän Janni Lamila zum Badevergnügen – richtig gelesen! – am frostigen Busen der Natur lädt. Keine Angst, denn die mutigen Polar-Schwimmer zwängen sich erst einmal in knallrote Gummianzüge, die ein sechsstündiges Überleben im Eiswasser, auch für Nichtschwimmer, garantieren (ohne diesen Schutz wären es nur qualvolle Minuten). In ungelenker Pinguinmanier watscheln die Freiwilligen die Gangway abwärts auf das rutschige Eis. Vor Lust kreischend, plumpsen sie in das aufgebrochene Kielwasser, von oben bestaunt und fotografiert von den weniger Mutigen. Da strampeln sie nun wie aufgeblasene Frösche auf dem Rücken liegend und genießen die eisige Badeshow, eifrig versichernd, wie „warm“ ihnen doch sei.
Im stilechten Salon aus Edelholz und Messing dampft schon eine köstliche Dill-Lachssuppe zum Aufwärmen.
Beim Abschied drückt uns der „Sampo“-Kapitän höchstpersönlich ein „Diplom“ in die Hand. Das ist d e r Beweis: Wir sind Zeugen des Eis-Theaters am Polarkreis gewesen.
 
Text und Fotos: Peer Schmidt-Walther

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