Impressionen vom Darß

Blick vom Leuchtturm Darßer Ort (Foto: Rainer Höll) Blick vom Leuchtturm Darßer Ort (Foto: Rainer Höll)

Noch 1990 erinnerten östlich von Zingst Schilder, tarnfarbene Häuschen und ein schon durchlässiger Zaun an einen Schießplatz, von dem aus seit Jahrzehnten auf Luftziele über der Ostsee geschossen wurde. Heute werden die in diesen einzigartigen Dünenlandschaften lebenden Tiere und Pflanzen vor eifrigen Naturliebhabern geschützt.
Die Kette der drei ehemaligen Inseln Fischland, Darß und Zingst bildet heute eine Halbinsel, von der nur wenige behaupten können, alle Bereiche mit der gebotenen Intensität durchdrungen zu haben. Tier- und Pflanzenwelt, Oberflächenveränderungen, Geschichte, Kultur, Architektur und nicht zuletzt die Menschen dieser Region sind es wert, dass der Blick etwa länger auf ihnen ruht. Persönliche Eindrücke aus zahlreichen Besuchen in diesem Gebiet sollen neugierig machen.

Ahrenshoop
Es war im Herbst 1995. Unser üblicher Wanderweg führte vom südlichsten Strandabgang bei Ahrenshoop nach Süden. Ein Steinwall im Wasser schützt seit Jahren ein kleines Stück Strand vor Abtragung. Nach etwa 1.000 Metern steigen wir – zehn Meter vom Wasser entfernt – eine stabile Metalltreppe etwa 20 Meter in die Höhe, das steil abfallende Kliff hinauf, um die Winderosion an der Oberkante des Kliffs zu betrachten. Der Rückweg führt uns den Hochweg an Resten eines Betonbunkers und vielen Hagebuttensträuchern vorbei zu einem Café, das – nach einer Buhne benannt – meist unsere Zwischenstation war. Einige Tage später zeigte eine der für die Ostsee typischen Sturmfluten ihre Macht. Und so zog es uns danach wieder zu der Stelle. Wir erschraken zunächst über den Schaden an der Düne, deren verbliebene drei Meter ein Haus vor Überflutung geschützt hatten. Der übliche Weg unterhalb des Kliffs sah völlig anders aus, und die Treppe war spurlos verschwunden.

Zingst
Wenige hundert Meter östlich von Zingst ist das Aus für die motorisierten Fahrzeuge gekommen, die Fahrräder haben Hochkonjunktur. Ganz Mutige machen sich zu Fuß auf, um das Ende der Halbinsel zu erreichen. Die Asphaltstraße teilt den Dünenbereich, dessen militärische Nutzung endlich der Vergangenheit angehört, von den Weiden des großen Zingster Rinderzuchtbetriebes: Zwei wichtige Aspekte der Natur und ihres Schutzes.
Unser Ziel waren die Kraniche. Am Pramort, dem östlichsten, für jedermann zugänglichen Ende der Halbinsel Zingst, ist eine Beobachtungshütte eingerichtet. Dort hatten sich zahlreiche Interessierte eingefunden, um den Anflug der Kraniche zu ihren Übernachtungsstellen im nahegelegenen Flachwasser zu beobachten. In Minutenabständen flogen die Schwärme der majestätischen Vögel aus Richtung Festland an und suchten unter lauten Trompetenstößen den Platz, der sie während der Nacht vor Raubwild wie Füchsen schützt. Wir merkten die von unten heraufkriechende Kühle kaum, so imposant war der Anblick dieser Vögel.

Leuchtturm Darßer Ort (Foto: Rainer Höll)Prerow
Eine Wanderung zum Darßer Ort bietet unterschiedlich lange Varianten. Der nordwestlichste Punkt des Darß wird vom 35 Meter hohen Leuchtturm beherrscht, von dessen Aussichtsplattform die Sicht weit über die Ostsee und die einzigartige Umgebung reicht. Von hier aus kann Jahr für Jahr die Veränderung der Küstenlinie beobachtet werden: Am Darßer Ort entsteht neues Land! Aber nur wenige hundert Meter weiter südlich erblick der Beobachter das Gegenteil: Jahrzehnte alte Buchen und Fichten werden vom Wasser geholt, ihnen wird buchstäblich der Boden unter den Füßen entzogen – ein gespenstischer Anblick!
Wer genügend Kondition hat, nutzt den Bohlen-Rundweg Richtung Darßer Ort und setzt von dort am Strand den Weg nach Süden zu den Strandbäumen fort. Der Kurs zurück nach Prerow durch den Wald sollte von Vorsicht und elementarer Wege-Kenntnis begleitet sein. Nicht umsonst spricht man vom Darßwald als dem Darßer Urwald. Unverhofft trifft der Wanderer auf Wege, die im Sumpf enden. Und Spuren von Sus scrofa, dem europäischen Wildschwein, sieht man allerorten. Im Naturschutzgebiet gibt es auch keine „geharkten“ Wege, so dass allerorten Vorsicht geboten ist.

Rainer Höll

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