Hinter die Kulissen geschaut: Der Circus William

Hinter die Kulissen geschaut: Der Circus William Manuel Wille mit dem weißen Sibirischen Tiger Fitti

Heute habe ich ein Foto gesucht. Mein Sohn, acht Jahre alt, sitzt hoch oben auf einem Elefantenrücken. Direkt hinter den Ohren, an denen er sich festklammert. Seine Augen leuchten, sein Mund weiß nicht genau, was er ausdrücken will – eine Mischung aus fasziniertem Staunen und ein kleines bisschen Angst. Sein Zwillingsbruder – sicher auf dem Boden verwahrt – schaut staunend, fast ehrfurchtsvoll zu ihm hinauf. Wobei sich die Ehrfurcht, prozentual unterschiedlich, auf den Elefanten und den Mut seines Bruders aufteilt…

Eigentlich war ich für diesen Pressetermin gar nicht vorgesehen. Dank des Nicht-Strand-Wetters dauerte die Fahrt in den Inselsüden aber wesentlich länger als geplant. Ich bin auf unsere Gesprächspartner und auf das Thema nicht vorbereitet, und so kann ich ganz unvoreingenommen ins Interview gehen. Gemeinsam mit meinem Mann warte ich an der Kasse des Circus William, der sein großes Zelt auch in diesem Jahr wieder zwischen Bansin und Heringsdorf aufgeschlagen hat, auf Manuel Wille und Timo Köppel, den Pressesprecher des Circus‘. Manuel Wille ist eines von fünf Geschwistern, die mit ihren Familien die Circusgemeinschaft bilden. Er ist für die Löwen und Tiger zuständig. Ich hatte ihn mir anders vorgestellt, weniger schmal und vielleicht größer. So wie man sich halt einen Raubtierdompteur vorstellt. Doch dazu nachher mehr.

Manuel Wille führt uns über das Gelände und direkt zu den Stars des Circus. In zwei großen Gehegen dösen – ganz wie ich es von Stubentigern kenne – drei Löwen und fünf Sibirische Tiger vor sich hin. Klärchen versteckt sich gerade hinter den Wolken, aber das tut der Siesta keinen Abbruch. Nur einer der Gesellen hält von dem Gelager nichts. Ein Tiger hat sich den Abschnitt eines Baumstamms mit nicht unerheblichem Durchmesser vorgenommen. Mit seinen Zähnen bearbeitet er ihn, fängt ihn mit den Krallen wieder ein, als er sich wegzurollen versucht, hängt sich über ihn wie ein Baby auf einer Gymnastikrolle. Als ihn Manuel Wille anspricht, unterstreicht er seine Gemütslage mit einem langgezogenen zufrieden Reiben an der Rinde – vom Kopf bis zum Hinterteil. Dann trollt er sich und spring mit einem mächtigen Satz in eine große Kiste, nur Augen und Ohren schauen noch raus. Er beobachtet uns eine ganze Weile, gähnt herzhaft und springt mit Getöse wieder aus der Box. Klatschnass, das Wasser läuft ihm aus dem Fell, kommt er auf uns zu. Nur noch zwei Meter entfernt, erwarte ich fast, dass er sich wie ein Hund von der Schnauze bis zum Schwanz schüttelt und uns somit eine Dusche verpasst. Aber nein! Er gehört ja schließlich nicht zur Familie der Hundeartigen – er ist eine Katze! Anscheinend genug von uns, trollt er sich weiter zu seinen immer noch dösenden Kameraden und mischt sie ein bisschen auf. Hier mal necken, da mal schnuppern. Vielleicht hat ja einer Lust auf ein Spielchen, eine kleine Rauferei?

Manuel Wille erzählt stolz und sehr informativ von seinen Löwen und Tigern. Es sind nicht nur für ihn ganz besondere Exemplare, denn zum Rudel gehören auch solche mit weißer Fellfarbe. Es sind keine Albinos, für die Farbabweichung ist ein verändertes Gen verantwortlich. Vor vielen Jahrzehnten wurde in der Wildnis ein weißer Löwe gefangen und genau untersucht, warum seine Fellfarbe abweicht. Da alles Außergewöhnliche auf uns Menschen eine gewisse Faszination ausübt, entstand daraus eine Zuchtlinie. Die wohl bekanntesten Vertreter weißer Raubkatzen zeigten die Entertainer Siegfried und Roy in Las Vegas. Der Circus William war der erste, der in Deutschland weiße Raubkatzen präsentierte.

Elen-Antilopen im Circus WilliamWir schlendern weiter zu den Elen-Antilopen, die mit ihren anmutig in sich gedrehten Hörnern, vor allem aber mit ihrer Größe imponieren. Sie könnten ohne große Mühe und praktisch aus dem Stand über das Gitter springen, das ihnen bis zur Schulter reicht. Meine Frage, warum sie das nicht täten, beantwortet Manuel Wille mit einem leichten Schulterzucken: Warum sollten sie, es gehe ihnen doch gut. Ein schöner Einstieg darüber zu reden, was die Tiere überhaupt motiviert, in der Manege aufzutreten. Er mag die Titulierung Dompteur nicht, findet ihn nicht passend. Und wenn ich an meine Einleitung zurückdenke, suggeriere ich mit dem Begriff automatisch „Zuckerbrot und Peitsche“. Manuel Wille benennt seine Berufsbezeichnung mit Tierlehrer. Er dressiert seine Tiere nicht, er arbeitet mit ihnen ähnlich wie ein Lehrer mit seinen Kindern in der Klasse. Auch hier greift das Sprichwort: Übung macht den Meister. Und Übung muss Spaß machen, weshalb Druck völlig kontraproduktiv ist. Druck führt zu Angst, die stärkt den Selbsterhaltungstrieb. Fluchttiere wie die Elen-Antilopen würden panisch reagieren, seine Raubtiere hingegen aggressiv werden. Deshalb ist in seinen Unterrichtsstunden Belohnung das Zauberwort, die in Form von Leckereien und Streicheleinheiten zu Zufriedenheit bei Lehrern und Schülern führt. Warum also sollten sich die Antilopen über den Zaun wagen, wenn mehrmals am Tag während der Übungsrunden eine leckere Belohnung wartet?

Das Zuckerbrot hätten wir damit geklärt, aber was ist mit der Peitsche? Die ist für den Tierlehrer trotz der freundschaftlichen Dressurart tatsächlich sehr wichtig. Natürlich nicht als „Züchtigungswerkzeug“, sondern als Zeigeinstrument. Der Tierlehrer bildet bei der Ausbildung wie auch in der Manege den Mittelpunkt, an dem sich die Tiere orientieren. Soll nun ein bestimmtes Showelement gezeigt werden, gibt der Lehrer sowohl einen sprachlichen Hinweis, ein individuelles Kommando, und zusätzlich auch einen optischen, indem er die Peitsche als Zeigestock nutzt und auf bestimmte Weise hält oder schwingt.

Roberto Wille mit den Paint HorsesDas kann ich im nächsten Zelt direkt beobachten. Dort hat Roberto Wille seine Paint Horses in den Übungsparcours entlassen. Sieben Hengste mit nicht unerheblichem Stockmaß laufen, hintereinander gereiht, ihre Runden. Die Fellzeichnungen dieser edlen Rösser sind wunderschön. Sie erinnern mich an Mustangs, und tatsächlich habe ich hier echte Amerikaner vor mir. Die außergewöhnliche Farbe nennt sich Black overo, jedes Tier ist ein kleines Vermögen wert. Die Pferde sind noch nicht lange bei den Willes, die Show steht noch nicht ganz. Roberto Wille erzählt, wie er ein Programm langsam aufbaut. Zum einen wird jedes Pferd einzeln unterrichtet, vom anfänglichen Geführtwerden am Geschirr bis zum endgültigen freien Laufen in der Gruppe. Dabei beginnt er mit zwei, drei Tieren. Wenn die die geplante Übung beherrschen, kommt ein weiteres Pferd dazu und gliedert sich in die Gruppe ein. Das gehe so weiter, bis alle Tiere involviert seien. Wenn die Paint Horses die aktuelle „Schulzeit“ durchlaufen haben, werden sie gemeinsam mit den Arabern auftreten, die momentan in aller Gemütlichkeit auf der Weide grasen. Sie haben halt Pause. Warum in der Manege nur Hengste zu finden sind, interessiert mich noch. So eine reine Boygroup sei viel einfacher zu lenken, wenn die Damenwelt außen vor bleibt. Das ist nachvollziehbar, grinse ich in mich hinein. Außerdem sei es sehr wichtig, bei welchem Paar es zu Nachwuchs kommen soll. Zum einen, um die Fellzeichnung zu steuern, zum anderen aber auch, um Fohlen mit chronischen Erkrankungen auszuschließen, die sich bei einigen Varianten ergeben.

Ein Blick unter das geschwungene rote Zeltdach darf natürlich nicht fehlen. Auch hier ist ein Circusmitglied bei der Arbeit. Diesmal kein tierisches, sondern Georgy, Tochter des ältesten Wille-Bruders Markus. Sie hat es sich auf einem weißen Flügel gemütlich gemacht. Noch, denn kurz darauf beginnt sie mit ihren täglichen Übungen, um ihren grazilen Körper geschmeidig zu halten. Sie stützt sich mit den Händen auf zwei auf dem Flügeldach fixierte Griffe und lässt ihren Körper in aller Seelenruhe und mit scheinbarer Leichtigkeit in den Handstand gleiten. Nur die mit Höchstkraft arbeitenden Muskeln ihrer Oberarme verraten, dass es hier um enorme körperliche Arbeit geht. Georgy hat diese sanfte Nummer auf dem Flügel für sich entdeckt. Ich bin von ihrer Körperbeherrschung beeindruckt, würde ich es doch noch nicht mal elegant auf den Flügel schaffen…

Georgy Wille bei der ProbeWir sprechen noch über das Familienleben. In den meisten Circus-Dynastien wächst der Nachwuchs automatisch ins Circusleben hinein, so auch bei den Willes. Die vier Brüder Markus, Manolito, Manuel und Roberto Wille sowie ihre Schwester Maria Weber bilden mit ihren Familien die aktuelle Generation des Circus William – die siebte. Die Kinder leben mit bei ihren Eltern, nicht im Internat. Sie gehen dort zur Schule, wo der Circus gerade gastiert. Das ist nicht immer einfach. Der ständig wechselnde Schulstoff und die Abschiede von gerade erst gefundenen Freunden sind schwer zu verarbeiten. Die Kinder der Willes haben freie Auswahl, welche Rolle sie im Circusprogramm einnehmen möchten. Dabei gibt es, wie in jeder Branche, natürlich Vorbilder, an denen sie sich orientieren. Das kann wie bei Manuel Wille der Vater sein, von dem er die Leidenschaft für die Großkatzen übernommen hat. Das können aber auch familienfremde Künstler sein, wie bei Georgy oder Deniro Wille, deren Vorbild eine bekannte Akrobatengruppe ist.
Darüber hinaus sind jede Menge andere Talente gefragt. Handwerker, die alle Gerätschaften in Schuss halten und sogar die Auflieger selbst bauen. Ein Lkw-Auflieger mit integriertem Raubtierkäfig ist nicht von der Stange zu finden. Enorm wichtig ist das betriebswirtschaftliche Verständnis, denn der Circus hat mit seinem Wert an menschlichem Können, Tieren und Equipment das Ausmaß eines kleinen Wirtschaftsunternehmens. Nicht zuletzt spielt der Wissensschatz rund um Tierhaltung, Pflege und Zucht eine entscheidende Rolle. Jedes Familienmitglied sucht sich seine Nischen. Zahlreiche Berufe, die aber bei den Willes vor allem Berufung sind.

Seit über 25 Jahren kommen die Willes bereits zum Sommercircus nach Bansin. Da die Gastspiele jeweils rund zehn Wochen dauern, macht sich dann gern eine Art „Zweite-Heimat-Gefühl“ breit. Manuel Willes Tochter ist in Wolgast geboren, der ältere Sohn auf der Insel getauft. Sogar einige Löwen sind gebürtige Insulaner. Deshalb ist es der Familie wichtig, nicht nur von den Einheimischen zu nehmen. Sie engagieren sich auch für die Insulaner, geben zurück. Ein besonders schönes Ritual ist dabei die Zeugnisausgabe der Heringsdorfer Grundschule. Die Lütten üben ein kleines Programm ein, das sie am Schuljahresende vor den Eltern aufführen. Und dann bekommen sie ihre Zeugnisse in der Manege überreicht. Wer kann das schon von sich behaupten!

Während der Tierschau können die stolzen Raubkatzen aus der Nähe beobachtet werdenZurück bei den Löwen und Tigern fragt Manuel Wille, ob ich noch ein paar Fotos direkt durch die Löcher des Gitters machen möchte. Nach einigem Bemühen ist das äußere Gitter geöffnet, das die Besucher der Tierschau auf gebührendem Abstand hält. Der Tierlehrer führt Fitti in das kleinere der beiden Gehege. In aller Seelenruhe trottet der weiße Tiger herüber, streicht ganz dicht innen am Gitter entlang. Auf der anderen Seite stehe ich, dreißig Zentimeter entfernt, fast schon andächtig erstarrt über die tatsächliche Größe und Anmut der außergewöhnlich gezeichneten Katze. Mit einem leisen Grummeln tangiert er mich, das sein Interesse an der Szene zum Ausdruck bringt – ich kenne es von meinen Stubentigern, nur in anderer Frequenz. Manuel Wille möchte das hübsche Tier für das Foto gern präsentieren, aber Fitti denkt erstmal gar nicht daran, auf den bereitgestellten Hocker zu springen. Es bedarf einiger Worte, Anschieber und Stockkitzler, bis sich der Tiger aufrecht in Szene setzt. Ohne Nachzudenken lasse ich die Kamera in Automatikeinstellung klicken. Was dabei herauskommt, schaue ich mir später an, denn es ist faszinierend, wie vertraut das Duo, mein Fotomotiv, miteinander umgeht. Nachdem gefühlt hundert Fotos im Kasten sind, soll Fitti wieder zurück zum Rudel. Er denkt aber gar nicht daran, möchte die Sonderstellung hier noch weiter ausnutzen. Der Tierlehrer ist mehr als bemüht und muss allerhand Tricks einsetzen. Ein bisschen Schieben hilft nicht viel, der massige Katzenleib lässt sich davon nicht beeindrucken. Dann halt mit dem Stock kitzeln, am Po zwicken, schließlich mit dem gesamten Hocker nachdrücken, aber Fitti windet sich einfach, schlägt einen Haken und geht wieder seinen eigenen Weg. Ein herrliches Schauspiel, was sich einem Katzenliebhaber wie mir dort bietet. Und ich sehe den bekannten Ausspruch „Hunde haben Herrchen, Katzen haben Personal“ mal wieder voll bestätigt. Und noch eines wird mir genau an dieser Stelle klar: Manuel Wille und seine Raubkatzen sind nicht bestimmender Herr und untergeben Folgende – sie sind ein Team! Ein Team mit freundschaftlichem Umgang und einer großen Portion Respekt voreinander. Ein Team, das zusammenarbeitet. Und genau aus dem Grund ist es auch nicht notwendig, als massiger „Dompteur“ die Großkatzen zu „bändigen“. Ein leitender Freund ist viel effektiver.
Die anderen Großkatzen haben ihre Siesta inzwischen beendet und begrüßen ihren Kumpel. Mal mit anschmiegsamem Schubser, mal mit rauflustigem Aufbäumen. Es ist gerade so, als wenn sie etwas über den Ausflug ins Nachbargehege wissen wollen, vielleicht neidisch auf die neuen Erlebnisse sind. Hat er etwa einen Leckerbissen abstauben können? Die Gruppendynamik hat sich jedenfalls sichtlich geändert. Der Baumstamm wird wieder bearbeitet, die Wasserbox zum Verstecken genutzt, eine weiße Löwin rekelt sich ausgiebig in der Sonne, die endlich hinter den Wolken hervorgekrochen ist. Jetzt wäre sicherlich die richtige Zeit für die nächste Übungsstunde…

In meiner Kindheit gehörten Circusbesuche zu den Highlights des Jahres. Wobei ich, am Rande bemerkt, erfahren habe, dass ich die Familie Wille sicherlich damals regelmäßig sah: Manuel Wille ist während der Tournee der Eltern in meiner niedersächsischen Heimatstadt geboren. Ich kann gar nicht sagen, wann mein Interesse dann nachließ, irgendwann als Teenager. In meiner eigenen kleinen Familie waren Circusbesuche dann traditionell Oma-Opa-Enkel-Ausflüge, so dass ich insgesamt auf mindestens 35 circusfreie Jahre komme. Das soll sich ändern. Ich nehme mir fest vor, ab sofort jeden Sommer mit meinen Enkelinnen den Circus William zu besuchen. Vielleicht wird die Siebenjährige dann auch endlich ihre Clown-Phobie los, die sie von kleinauf begleitet.

Das Foto, mein Sohn auf dem Elefanten, vom Opa geknipst. Die großen Rüsseltiere finden sich beim Circus William nicht, dafür aber viele, viele andere sanft-faszinierende und spektakuläre Darbietungen. Ich freue mich darauf.

Karin Höll

Fotos © Karin Höll

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