Die Peene - Amazonas des Nordens

Die 'Königstein' (Foto: Peter Deilmann Reederei) Die 'Königstein' (Foto: Peter Deilmann Reederei)

Das dünne blaue Schlängelband des Peene-Flusses fällt beim Kartenstudium kaum ins Auge. „Die Landschaft des Urstromtals um so mehr“, macht Kapitän Johann Magner neugierig. Einst hat er die Peene mit Frachtschiffen der Deutschen Binnenreederei befahren. Dann wechselte er auf das Binnenkreuzfahrtschiff „Königstein“, das später von der Reederei Deilmann übernommen wurde.

Dünn besiedeltes Paradies
Zwischen ihrer Mündung östlich des vorpommerschen Städtchens Anklam und Malchin am Kummerower See ist der mit über 100 Kilometern längste Fluss des nordöstlichen Bundeslandes schiffbar. Er gilt außerdem als das idyllischste Fließgewässer Norddeutschlands. Flora und Fauna des Grenzflusses zwischen den Landesteilen Mecklenburg und Vorpommern sind außergewöhnlich und naturgeschützt. Ein unzerstörtes, dünn besiedeltes Paradies.

Maßgeschneiderter Peene-Riese
Die mit 68,50 Meter Länge, 8,20 Meter Breite und nur 1,40 Meter Tiefgang vermessene „Königstein“ passt wie maßgeschneidert zum Fluss. „Wo es zu eng wird, kann man auch keine Fehler machen“, meint Magner augenzwinkernd.
Von Rügen kommend, läuft der schmucke weiße 850-Tonnen-„Dampfer“ die Hafenstadt Wolgast an. Die liegt am Peenestrom, der seenartigen Erweiterung zwischen dem Usedomer Achterwasser im Westen und dem Stettiner Haff im Osten.
Die Zugbrücke reckt ihre blauen Arme in den Sommerhimmel: freie Durchfahrt für den Liner, vielfach bestaunt und fotografiert.
Drei Stunden geruhsame Fahrt über den Fluss-See, gesäumt von Steilufern im Wechsel mit Feld-, Wald- und Wiesenabschnitten. „Die stille Wasserlandschaft wirkt beruhigend auf uns, richtig erholsam.“ Das Ehepaar aus Wismar räkelt sich wohlig in seinen Liegestühlen auf dem weitläufigen Oberdeck mit Rundumaussicht. „Die Reise haben wir uns zur Goldenen Hochzeit geschenkt, denn an der Peene sind wir groß geworden.“ Weitere 63 Passagiere – maximal können es 74 sein – aus ganz Deutschland sind mit von der Wasserpartie. Sie logieren in geschmackvoll und zweckmäßig eingerichteten Außenkabinen mit allem Kreuzfahrtkomfort.

Genügend Wasser unterm Kiel
Hinter der Zecheriner Brücke, die Usedom mit dem vorpommerschen Festland verbindet, schimmert silbern der Peene-Fluss. Konzentration bei der Fahrt durch Anklam. Die geöffnete Eisenbahnbrücke, die Berlin und Stralsund verbindet, lässt gerade mal einen Meter „Spielraum“ an jeder Seite. „Mit 2 x 280 PS und Bugstrahlruder kein Problem“, winkt Kapitän Magner ab, der sich während des spannenden Manövers entspannt in seinen „Pilotensessel“ zurücklehnt. Steuermann Milan fordert aus Sicherheitsgründen dazu auf, die Köpfe einzuziehen.

„Unter dem Kiel haben wir genug Wasser“, beruhigt Magner die Skeptiker. „Die natürliche Tiefe des Flusses liegt zwischen drei und vier Metern, das Gefälle beträgt auf 100 Kilometer gerade mal 28 Zentimeter. Weil die Strömung so schwach ist, können wir mit Tempo 12 zu Berg fahren.“ Die Freuden der Langsamkeit sind für viele eine Neuentdeckung. Bei entsprechenden Windrichtungen strömt das Wasser sogar gegen die eigentliche Fließrichtung. Das Echolot bleibt sicherheitshalber in Betrieb.

Achtung: Biber kreuzt!
Aufregung, als ein Biber knapp vor dem Schiff die Ufer wechselt. Die Tiere wurden hier ausgewildert und sind schnell heimisch geworden. Fischreiher segeln lautlos in den Schilfsaum. Rehe halten beim Äsen inne oder schnellen in eleganten Sprüngen davon.
Johann Magner tastet sich durch die scharf gekrümmten Flussschleifen. Plötzlich aus dem Schilf eine Stimme: „Ist das aber ein Mordskasten!“ „Der wird gleich noch länger!“, ruft jemand schlagfertig zurück.
Bald reckt sich der spätromanische Turm der St. Bartholomaei-Kirche der aufstrebenden Hansestadt Demmin über das grüne Meer. „Die hier in die Peene mündenden Flüsschen Trebel und Tollense haben den Begriff ´Drei-Strom-Land` geprägt. Seit der Hansezeit herrschte hier reger Schiffsverkehr und 1855 kam der erste Dampfer aus Stettin. Sichtbares Zeichen für den regen Handel sind die Getreidespeicher am Hafen“, erklärt die Reiseleiterin.

Kulinarisches auf der 'Königstein' (Foto: Peer Schmidt-Walther)Urwald-Impressionen
Ein Hühnerhof gerät in Aufruhr. Hektisch flattern die Hennen durcheinander. Vergeblich versuchen die Hähne, ihr Völkchen durch Krähen zur Ordnung zu rufen. Enten nehmen den ungewohnten Koloss erst im letzten Augenblick wahr und starten zur Flucht.
Dann wird `s noch enger. MS „Königstein“ füllt das schmale Flussbett fast vollständig aus, streift beim Kurven fahren mit dem Heck fast das Schilf. Dessen biegsame Halme neigen sich unter dem Wasserschwall respektvoll zur Seite. Überhängende Zweige knicken ab und landen an Deck. „Blumenpflücken inbegriffen“, meint eine Rostockerin belustigt, während ihre Freundin aus Schweden es nicht fassen kann, „dass es so etwas Exotisches in Deutschland noch gibt.“ Wie zur Bestätigung treiben schwimmende Gras- und Blumeninseln auf das Schiff zu und werden vom Steven zerschnitten: Amazonas-Impressionen en miniature. Sogar die Temperaturen stimmen. Über unseren Köpfen kreist ein roter Milan. Dann Einlaufen in den elf Kilometer langen Kummerower See und Beginn der hügel- und seenreichen Mecklenburgischen Schweiz.

Der Abend klingt aus mit dem Captains Dinner und einem (oder mehreren) Gläschen Wein an Oberdeck. Als glutroter Ball taucht die Sonne hinter den gewellten Bornitzbergen unter den Horizont. Später lässt milder Mondschein den elf Kilometer langen See noch romantischer erscheinen. Nebelschwaden wabern. Bilder von Caspar David Friedrich kommen einem in den Sinn. „Hier bliwt allens bi´n ollen!“, stellte auch schon der mecklenburgische Heimatdichter Fritz Reuter fest. Ein Glück!

Text und Foto: Peer Schmidt-Walther (1), Peter Deilmann Reederei (1)

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