Mit der 'Kruzenshtern' auf Ostsee-Törn

Die 'Kruzenshtern' unter Vollzeug (Foto: Peer Schmidt-Walther) Die 'Kruzenshtern' unter Vollzeug (Foto: Peer Schmidt-Walther)

Schauplatz Flensburg. Hunderttausende drängelten sich auf den Piers der Fördestadt. Angesagt war das traditionelle Hafenfest. Zwei Stars überragten buchstäblich alles: die Bark „Gorch Fock“ der Deutschen Marine und die Viermastbark „Kruzenshtern“ der Baltic Fishing Fleet Academy in Kaliningrad. Der legendäre frühere deutsche Flying-P-Liner hatte es uns angetan. Eine Woche lang konnten wir Segelschulschiff-Atmosphäre pur schnuppern.

Keiner von uns 13 Trainees, wie die Mitsegler genannt werden, zuckt zusammen, als wir in unsere Unterkunft geführt werden: ein spartanischer Schlafsaal mit 14 Doppelstockkojen und dazugehörigen Mini-Blechspinden. Einzelkammern stehen nur Kapitän Gennadi Kolomenskij und seinen Offizieren zu.

Klar zum Segelsetzen!
Zweimal 1000 Pferdestärken – Jürgen Wolf nennt sie augenzwinkernd „Unterwasser-Segel“ - noch aus DDR-Produktion und zwei Schlepper schieben und bugsieren den 114,5 Meter langen 3545-Tonner in die segelgespickte Flensburger Förde. Bis die Alarmglocken schrillen und es aus den Lautsprechern schallt: „Klar zum Segelsetzen!“ auf Russisch für die 120 Kadetten und Englisch für uns. Wir sammeln uns auf dem Trainee-Deck – wer will, kann natürlich mit anpacken -, aber niemand möchte im Wege zu stehen. Aus dieser erhöhten Position hat man den besten Überblick. In Reih und Glied bauen sich die russischen Jung-Seeleute militärisch-diszipliniert neben ihren Masten auf. Die Flüstertüte vorm Mund, brüllen die Bootsleute ihre Kommandos gegen den Wind. Wieselflink entern die Kadetten über die Wanten ins Rigg. Minuten später schon sind sie auf Ameisengröße geschrumpft und turnen geschickt wie Akrobaten zu ihren Stationen auf den bis zu 29 Meter langen tonnenschweren Rahen. Die Zeisinge, mit denen die Segel zusammengebunden sind, werden gelöst. Das Tuch von Untermars-, Obermars- und Unterbramsegeln bauscht sich zu Riesen-Raffgardinen über unseren Köpfen.

Blick vom Großmast an Deck (Foto: Peer Schmidt-Walther)Unten reißen die blauen Jungs an den Fallen, um die Segel zu setzen. Andere zerren an den Schoten, so dass sich die Schratsegel am Klüverbaum und zwischen den Masten im steifen Südwest knatternd bauschen. Insgesamt können 3400 Quadratmeter, halb so groß wie ein Fußballfeld, gesetzt werden. Ein Mosaik aus 34 Segeln an rund 65 Kilometer Tauwerk.

Der Ausbildungsstoff gestaltet sich je zur Hälfte militärisch und zivil. So können die zukünftigen Nautiker und Maschinisten nach rund fünf Jahren Studien- und Fahrtzeit flexibel eingesetzt werden. Die jungen Russen allerdings sind, wie wohl die meisten ihrer Altersgenossen, nicht gerade begeistert von diesem Drill. Rund drei Monate müssen sie den für karge 75 Euro über sich ergehen lassen. Angefangen bei der morgendlichen Musterung an Oberdeck über Wacheschieben, Putz- und Pflegearbeiten, Unterricht bis hin zur Paukerei für die Abschlussprüfungen. Alles steht unter Befehl, „damit der Rhythmus erhalten bleibt“, wie der Zweite betont. „Die Segelschiffsausbildung“, so Kapitän Kolomenskij, „ist für uns unverzichtbarerer Bestandteil der Ausbildung, emotional wie rational. Nur im Wechsel von Theorie und Praxis können die jungen Seeleute mit Wind und Wetter sowie dem Handwerkszeug vertraut werden, früher wie heute.“ Nicht umsonst bilden fast alle Marinen dieser Welt ihren Führungsnachwuchs noch auf Großseglern aus.

Neuer Kurs, anderer Wind
Ein neuer Tag, ein neuer Kurs, ein anderer Wind – die Bedingungen auf einem Großsegler wechseln häufig. So dass erst mal gedieselt werden muss. Die Fahrt unter Segeln – an Steuerbord grüßt die Eckernförder Bucht - wäre auf dem viel befahrenen Kiel-Gedser-Großschifffahrtsweg zu risikoreich. Erst nach der Rundung von Rügens Kap Arkona geht „Kruzenshtern“ auf einen anderen Bug. Steuerbord querab leuchtet schneeweiß die Kreideküste von Stubbenkammer. Vor uns die weite Pommersche Bucht. „Sie bietet unserem großen Schiff mehr Raum zum Segeln“, erklärt Kapitän Kolomenskij und lässt seine Jungs wieder antreten zum Manöver. Maschine Stopp! Bis der Segelmacher uns Trainees auf Trab bringt und Knotenunterricht ausrufen lässt. Den flinken Fingern des kräftigen Mannes mit CCCP-T-Shirt kann nicht jeder folgen, so dass mancher „Altweiberknoten“ dabei herauskommt. Am Ende der Lektion haben alle Acht- und Kreuzknoten, Weblein- und Palstek kapiert. Bei den komplizierteren Zierknoten jedoch geben wir auf und schauen nur noch zu.

Kletterübung auf der Rah (Foto: Peer Schmidt-Walther)Ab ins Gehölz!
Zwischen Rügen und Bornholm kommt der große Augenblick: Wer möchte, darf ins Rigg klettern. Nicht ohne dass uns der Bootsmann die Sicherheitsregeln einschärft. „Safety first!“ ist das moderne Motto, oder nach alter Sitte: „Eine Hand für Dich, eine Hand fürs Schiff!“ Das heißt konkret: Aufentern nur mit Erlaubnis und im Luv-Want, nie ohne Gurt und festes Schuhwerk, nichts fallen lassen, kein Geschrei (vor Begeisterung zum Beispiel). Malen Baumert, Dr. Peter Boye, Birgit und Heiko Werner wollen es gleich wissen. Hinter dem Bootsmann entern sie vorsichtig auf ins „Gehölz“. Zunächst Schritt um Schritt, Hand für Hand nur bis zur ersten Plattform, der 17 Meter hohen Saling des Kreuzmastes. „Zum Anwärmen“, meint der erfahrene Seemann und lobt uns: „Karascho, gut gemacht!“ Höher hinauf wollen schließlich Peter Boye und ich. Unterhalb der Royal-Rah – mit mehr als fünfzig Metern ist sie die höchste - machen wir Schluss. Dort verengen sich die Wanten so sehr, dass kaum noch eine Fußspitze hinein passt. Uwe Kiel hingegen schreckt das nicht. Er schwingt sich sogar noch auf die Rah, fotografiert pausenlos und winkt. Wir jedoch lassen die Seele buchstäblich baumeln und genießen die Superfernsicht über eine weite See bis zur polnischen Küste. Und das bei Traumwetter. Herz, was willst du mehr?!

Ruhe vor dem Sonnenuntergang. Bis auf die drei Kursanten am Doppelruder und den Ausguck haben nur wir die Muße, den in allen Farben glühenden Abendhimmel zu genießen. „Fast schon südseemäßig kitschig“, murmelt ein Mitreisender, als er die Szenerie mit Rigg-Fligran und gebauschten Segeln im Vordergrund fotografiert. Der Romantiker Caspar-David Friedrich lässt grüßen. Über uns funkeln die Sterne und am Horizont die flackernden Arbeitslichter von Fischkuttern. Doch dann wird es wirklich dramatisch. Gerade noch brennt die Sonne vom makellosen Himmel, als über der weißen Kreideküste von Rügen, querab an Backbord, plötzlich eine schwarze Wand drohend herauf zieht. Aber die Schratsegel stehen noch. Innerhalb weniger Minuten peitschen Regenböen mit zehn Windstärken die kochende See. „Kruzenshtern“ legt sich unwillig über. All hands reißen an den Niederholern, rutschen aus. Beängstigend knallt und knattert das dreieckige Tuch. Es scheint mit den Kursanten zu spielen und reißt sie wie Spielzeugpuppen aufs Deck. Schreckensbilder, die untermalt sind von zuckenden Blitzen und bösem Donnergrollen. Bis die Front durch gezogen ist und ein unschuldiger Regenbogen sich über das Achterschiff spannt.

Welch´ ein theatralischer Abschied! Nach acht Tagen und 843 Seemeilen, wie unsere Zertifikate belegen, laufen wir in die Bucht des idyllischen Ostseebades Eckernförde ein. „Kruzenshtern“ treibt vor dem Marinehafen, hinter dem sich graue U-Boot-Türme ducken. Die beiden roten Gummiflitzer rauschen zu Wasser. Letzter Akt: unsere Ausbootung. 13 Flying-P-Liner-Träume sind in Erfüllung gegangen. Abschiedswinken herauf und herunter, dazu Regenschauer und Spritzwasser. Wir sind nass bis auf die Knochen. „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern!“, stimmt jemand lachend an und schwört: „Im nächsten Jahr sind wir wieder dabei, Ehrensache!“

Text und Fotos: Peer Schmidt-Walther

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